Lernstoff richtig wiederholen

Lernstoff richtig wiederholen | Überlernen verhindern

Lernstoff_wiederholenDa ich oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, komme ich sehr häufig in den Genuss, Schülern, Studenten und Erwachsenen beim Lernen im Zug zuzusehen. Jeden Morgen beobachte ich das gleiche Ritual: Ein Blick auf die Karteikarte, dann ein leerer Blick aus dem Fenster, dann zur Kontrolle wieder zurück auf die Karteikarte. Dann die nächste Karte. Und so geht es viele Male, Tag für Tag.Diese Technik hat sich bei fast allen Lernenden durchgesetzt. Sie funktioniert, wenn auch sehr ineffektiv, denn sie berücksichtigt das Phänomen des Überlernens nicht.

 

Warum müssen wir den Lernstoff eigentlich immer wiederholen?

Dazu sollten Sie verstehen, wie der Lernstoff in unser Langzeitgedächtnis gelangt. Ich möchte hier nicht wissenschaftlich werden, sondern es an einem einfachen Beispiel erklären:
Zu Beginn war da eine grüne Wiese. Irgendwann einmal überquerte der erste Mensch diesen Rasen und erreichte eine große Stadt. Nach der Rückkehr in sein Dorf erzählte er den Einwohnern von diesem Weg und auch sie nutzten fortan denselben Pfad über die Wiese. Langsam entstand ein kleiner Weg. Viele Jahre später florierte der Handel zwischen dem Dorf und der Stadt. Die Menschen aus der Stadt liebten das frische Gemüse der Einwohner. Eine Straße wurde gebaut, damit die Waren sicherer und schneller an ihr Ziel kamen. Der Handel boomte und die Straße wurde zu einer Autobahn ausgebaut. Nun konnten sehr viele Güter mit dem LKW transportiert werden. Kurz darauf passierte etwas Schreckliches. Der Handel brach ein, die Autobahn wurde nicht mehr benutzt. Sie zerfiel langsam, bis schließlich die grüne Wiese ihren alten Platz zurückeroberte.

 

So ähnlich läuft der Prozess auch in Ihrem Gehirn ab.

Wenn Sie neuen Lernstoff lernen, gibt es noch keine Vernetzungen im Gehirn. Nach den ersten Wiederholungen werden auch die ersten Synapsen verknüpft. Nutzen Sie diese Verknüpfungen intensiv (z.B. durch Wiederholungen), werden die Synapsen dicker (sog. Ranviersche Schnüre) und die Informationen fließen schneller – Sie haben die Information im Langzeitgedächtnis gespeichert. Wird die Information jedoch nicht mehr benötigt, zerfällt die Verknüpfung und Sie vergessen.

Es gibt ein weiteres Problem: Einige Verbindungen entstehen schneller als andere, weil Sie möglicherweise bereits Vorwissen haben oder sich Merktechniken bedienen.
Und genau diese Tatsache berücksichtigen viele Lernende in der Wiederholungsphase nicht. Sie lesen 10 mal die gleiche Seite, nur weil sie einen Teil davon noch nicht können. Den Teil, den sie schon beherrschen, überfliegen sie dabei immer wieder, da man die Seite nicht aus dem Buch reißen kann. Somit wird in Summe sehr viel Zeit vergeudet.
Mit der Lernkartei-Zyklus-Technik kann dieses Überlernen verhindert werden.
Und so funktioniert diese Technik:

 

Vorbereitung

  1. Sie benötigen vier Ablagemöglichkeiten (Boxen) für Karteikarten und beschriften diese mit „Heute – Sonntag – Monatsmitte – Monatsende“
  2. Sie benötigen weiterhin verschiedenfarbige Karteikarten (A5)

 

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Phase 1 – Zusammenfassung

  1. Lesen Sie den Stoff und fassen diesen gedanklich mit Ihren eigenen Worten so zusammen, dass die Kernaussage und alle relevanten Fakten/Daten enthalten sind.
  2. Stellen Sie Fragen zu Ihren Zusammenfassungen, die auch in der Prüfung gefragt werden könnten. Notieren Sie je eine Frage auf einer Karteikarte und die Antwort auf ihrer Rückseite. Sie sollten für jedes Lernfach eine andere Farbe wählen, so haben Sie eine visuelle Trennung zwischen den einzelnen Fächern.

Phase 2 – Lernphase

  1. Nachdem Sie alle Karteikarten für den Tag geschrieben haben, geht es nun an das Lernen und Vertiefen.
  2. Lernen Sie multisensorisch und nutzen Sie Merktechniken, um sich den Lernstoff anzueignen.
  3. Machen Sie genügend Pausen!
  4. Am Ende der täglich Lerneinheit legen Sie die Karteikarten in die Ablagebox „Heute“

Phase 3 – Wiederholungsphase

  1. Vor dem Schlafengehen wiederholen Sie alle Karteikarten aus dem Fach „Heute“. Die richtig beantworteten wandern in das Fach „Mittwoch“. Die, die Sie nicht richtig beantwortet haben, bleiben im Fach „Heute“.
  2. Jeden Mittwoch, Sonntag, in der Monatsmitte und am Monatsende legen Sie eine zusätzliche Wiederholungseinheit ein und beantworten zusätzlich die Fragen aus der jeweiligen Box. Richtig beantwortete Fragen wandern in die nächsthöhere Ablage, falsch beantwortete wieder zurück in die Box „Heute“.
  3. Wenn eine Frage alle Boxen durchschritten hat und auch noch am Ende des Monats gewusst wurde, ist sie im Langzeitgedächtnis angekommen und sollte nach sechs Monaten noch einmal überprüft werden.
  4. Versuchen Sie, jeden Tag eine kleine Lerneinheit einzulegen. Je routinierter Sie die Übungen in Ihren Tagesablauf integrieren, desto erfolgreicher ist die Technik.

Diese Methode ist sicherlich nicht einfach und erfordert Disziplin. Aber sie ist sehr effektiv, um Überlernen zu verhindern. Versuchen Sie es! Nach ein wenig Übung werden Sie den Nutzen schnell erkennen.

 

 

 

 

Bildquelle: Dieter Schütz |pixelio.de

Richter

Mein Name ist Meik Richter. Ich bin Speed-Reading-Trainer und Lerncoach und beschäftige mich der schnellen Informationsaufnahme und Verarbeitung.