Das ausgelagerte Gedächtnis Google

Das ausgelagerte Gedächtnis | Google

Wie Google unser Denken beeinflusst und weshalb es wichtig ist, seinen Kopf gelegentlich selbst anzustrengen.

493268_web_R_by_Monja Schnider_pixelio.deIch frage mich manchmal, wie Menschen vor dem Internetzeitalter ihren Alltag meistern konnten. Wer hatte die Telefonnummer vom Zahnarzt im Kopf? Wer kannte das Geheimnis einer gut gebundenen Krawatte und wer war in der Lage, ohne Google einen guten Schweinsbraten zu kochen?
Im Gegensatz zum heutigen Wissenserwerb waren diese Informationen in den Köpfen der Familienangehörigen, Freunde und Kollegen gespeichert. Onkel Karli wusste, wie man eine Krawatte bindet, und hat es seinem Neffen beigebracht. Damit der Sohn in der eigenen Wohnung nicht immer Dosenfutter zu sich nahm, brachte die Mama ihm bei, wie er einen leckeren Schweinsbraten kocht. Das Wissen wurde also kollektiv gespeichert und individuell vererbt.

Dies hat sich seit Google massiv verändert.

Bevor ich heute jemanden frage, wie man eine Krawatte bindet, google ich. Das geht schneller und oft mit dem gleichen Erfolg. Leider frage ich Google bei jeder Krawatte erneut. Nun stellt sich die Frage: Wenn ich immer auf das Wissen zugreifen kann, hat dieses Outsourcen eine Auswirkung auf mein Gehirn?

Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir googlen?

 

In einem Experiment der New Yorker Columbia-Universität im Jahr 2011 wurde der Einfluss von Google auf das Speichern von Wissen im Kopf untersucht. Die Versuchspersonen sollten 40 einprägsame Fakten in einen Computer eintippen, etwa: „Das Auge eines Straußes ist größer als sein Gehirn.“ Der Hälfte der Teilnehmer sagte man, dass die Daten gespeichert würden; die anderen mussten annehmen, dass sie wieder gelöscht werden. Zusätzlich bat man jeweils eine Hälfte jeder Gruppe, sich die Fakten einzuprägen. Es zeigte sich: Wer darauf vertraute, dass der Computer die Sätze speichert, erinnerte sich deutlich schlechter. Die Probanden nutzten den Computer somit als externen Speicher. Erstaunlicherweise vergaßen die Teilnehmer die Fakten auch, wenn sie explizit darum gebeten wurden, sie sich zu merken.

 

Das_ausgelagerte_GedächtnisWas lernen wir daraus?

Extern gespeichertes Wissen geht schneller verloren. Nun stellt sich die Frage: Ist das gut oder schlecht? Denn wenn ich weiß, wo alles gespeichert ist, muss ich doch nichts mehr lernen.
Diese Aussage ist nur bedingt richtig. Unbestritten ist die Möglichkeit, heute schnell auf Informationen zuzugreifen. Noch nie in der Geschichte stand dem Menschen eine so riesige Menge an Informationen zur Verfügung. Auch zur Chancengleichheit im Bildungswesen konnte Google viel beitragen. Denn durch die Öffnung und den meist kostenlosen Zugang zu Informationen ist Bildung im Sinne der Informationsbeschaffung erschwinglich geworden. Ein Internetanschluss und ein Computer genügen, um auf das Wissen der Welt zuzugreifen.

Es war aber auch noch nie so schwierig, Wichtiges von Unwichtigem und Richtiges von Falschem zu trennen. Und genau hier liegt das Problem der externen Speicherung. In seinem Buch „Die Digitale Demenz“ beschreibt der Gehirnforscher Manfred Spitzer genau dieses Phänomen. Da junge Menschen heute immer weniger Wissen im Gehirn speichern, wird es auch immer schwieriger, Beiträge im Internet zu bewerten, ohne vorher teure und aufwendige Analysen durchzuführen. Denn Entscheidungsfindung basiert auf Wissen und Erfahrungen. Fehlen diese, kann der Mensch nicht bewerten, ob der Beitrag korrekt ist oder ob jemand versucht, dem Leser einen Bären aufzubinden.

Fazit

 

Ich glaube, dass Google Segen und Fluch zugleich ist. Wir können sehr schnell und sehr günstig auf Wissen zugreifen. Leider haben wir jedoch die Fähigkeit verloren, Informationen bewerten zu können, da uns an vielen Stellen ein Basiswissen fehlt. Dieses ist aber wichtig, um sinnvolle Entscheidungen treffen zu können. Natürlich können wir auch hier wieder Experten befragen, um das Defizit auszugleichen.

Nur, machen wir dann nicht wieder das Gleiche wie vor Google, indem wir mit Menschen reden, die Ahnung davon haben?

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Quellen:

Zeitschrift: Gehirn und Geist Nr. 7/2014 S. 36
Buch: Digitale Demenz | Manfred Spitzer
Bild: Monja Schnider  / pixelio.de

Richter

Mein Name ist Meik Richter. Ich bin Speed-Reading-Trainer und Lerncoach und beschäftige mich der schnellen Informationsaufnahme und Verarbeitung.

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